
In einer zunehmend digitalisierten Welt bietet der Aufbau realer Gemeinschaften eine große Chance für Musikspielstätten und Organisationen der darstellenden Künste.
Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte von Gemeinschaften. Von Anbeginn an lebten und arbeiteten Menschen zusammen. Sie gründeten Gemeinschaften, hielten zusammen und verteidigten ihre Gemeinschaften gegen andere. Gemeinschaften haben auch das Internet vorangetrieben und Facebook, Snap, WeChat und andere zu einigen der größten Unternehmen der Welt gemacht – und das oft innerhalb von weniger als einem Jahrzehnt.
Klassische Musik und darstellende Künste haben schon immer Menschen zusammengebracht. Jede Aufführung lebt von den Hunderten, oft Tausenden von Zuhörern und Zuschauern. Doch ist es diesen Institutionen gelungen, ein breites Publikum aufzubauen? Es lohnt sich, dies genauer zu betrachten.
Online-Communities sind exponentiell gewachsen. Facebook verzeichnete im ersten Quartal 2019 stolze 2,38 Milliarden monatliche Nutzer. Das entspricht fast einem Drittel der Weltbevölkerung. WeChat kommt schätzungsweise auf eine Milliarde monatliche Nutzer. Doch während die Online-Communities florieren, hat sich dies nicht unbedingt auch auf den realen Raum übertragen. Menschen treffen sich zwar gerne online, wechseln aber selten vom virtuellen in den physischen Raum. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet Meetup, das Menschen mit ähnlichen Interessen zu persönlichen Treffen, Konferenzen, Vorträgen und anderen Aktivitäten in der realen Welt zusammenbringt.
Ein Blick auf reale Gemeinschaften und deren Übertragung in den Online-Raum ergibt ein ähnliches Bild. Soziale Medien werden für Marketing, mitunter auch für Propaganda und Organisation genutzt. Doch nur selten gelingt es realen Gemeinschaften, eine Online-Sphäre erfolgreich zu integrieren.
Die Frage ist, ob sich die zufällige, aber regelmäßige Ansammlung von Menschen mit ähnlichen Interessen in einem Theater, Konzertsaal oder Opernhaus zu einer florierenden Gemeinschaft entwickeln kann. Einige Punkte sprechen dafür:
Warum wird dies neben den Freundeskreisen oder den Einführungsveranstaltungen vor Konzerten nicht gefördert? Warum ist die Technologie zur Unterstützung des Gemeinschaftsaufbaus nicht vorhanden?
Es beginnt oft mit den Grundlagen. Kulturorganisationen haben entweder den Ticketverkauf ausgelagert oder ihre Systeme sind veraltet. Das bedeutet, dass sie selten über Echtzeit-Kundendaten verfügen. Ja, insbesondere in Europa spielen Datenschutzbedenken eine Rolle und müssen berücksichtigt werden. Datenschutzgesetze verbieten jedoch nicht die Verwendung personenbezogener Daten. Sie geben den Menschen das Recht zu entscheiden, mit wem sie ihre Daten teilen und mit wem nicht.
Stellen Sie sich vor, Sie kaufen eine Konzertkarte und vereinbaren, beispielsweise Ihren Facebook-Account mit anderen Konzertbesuchern zu teilen, um sich vor dem Konzert mit einigen von ihnen auf ein Glas Wein zu treffen. Plötzlich besuchen Sie das Konzert nicht mehr allein, sondern als Teil einer Gruppe. Ihr Konzerterlebnis wird dadurch deutlich angenehmer.
Verfasst vonBERNHARD KERRESDie
MUSIKREISENDER3. NOVEMBER 2019