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Dhafer Youssef

Dhafer Youssef

Dhafer Youssef ist ein tunesischer Oud-Meister, Sänger und Komponist, geboren am 19. November 1967 in Teboulba. Als Sohn einer einfachen Familie aus diesem tunesischen Fischerdorf im Zentralosten Tunesiens stammt er aus einer langen Reihe von Muezzins. Die Kunst des Gesangs ist für ihn ein Erbe und eine Familientradition. Schon früh führte ihn sein Großvater in die Rezitation des Korans ein. Er begann, das Potenzial seiner Stimme zu entdecken und fand seine Berufung. Fernab von Koranschulbänken und der strengen Disziplin seines Großvaters erprobte Dhafer Youssef seine Stimme, indem er die Lieder sang, die im Radio seiner Mutter liefen. Die Küche seiner Mutter wurde zu seinem ersten experimentellen Labor, fernab von strengen Lehrmethoden.

Mit sechs Jahren entdeckt er den Klang seiner Stimme und ihre Resonanz. Er erinnert sich an Stunden, die er singend im Hammam seines Dorfes verbrachte. Die Resonanzen seiner Stimme in diesem riesigen Raum faszinieren ihn und nähren seine kindliche Neugier: Der junge Dhafer entdeckt sein Lieblingsspielzeug. Bewegt von der schönen Stimme des Kindes, ermutigt ihn der Muezzin, den Gebetsruf für die Dorfmoschee aufzunehmen. Dhafer nimmt die Aufgabe mit einem einfachen Plastikmikrofon an. Seine Stimme erklingt vom Minarett. Ihre Resonanzen gewinnen an Höhe. Es ist seine erste Begegnung mit Publikum, ein Erlebnis, das ihm auch sieben Studioalben und Hunderte von Live-Auftritten weltweit später noch unvergesslich sein wird.

Einige Jahre später schließt sich Dhafer Youssef dem lokalen liturgischen Gesangsensemble als Sänger an. Diese Erfahrung währt jedoch nicht lange, da die Aktivitäten der Gruppe zunehmend politisiert werden. Fernab von Gotteshäusern versucht sich Dhafer nun im Jugendzentrum von Teboulba an der Oud. Dort entdeckt er den E-Bass und den Groove, was ihn dazu bringt, auf lokalen Hochzeiten zu spielen, bevor er dem Gesangsensemble von Radio Monastir beitritt. Der junge Dhafer wird von dessen Gründer, Mesbah Souli, einem Geiger, Mitglied des tunesischen Nationalen Orchesters und Musikprofessor, für das Orchester ausgewählt. Mit dem Wunsch, neue Horizonte zu entdecken, verlässt Dhafer Youssef sein Heimatdorf und geht in die Hauptstadt. In Tunis beginnt er ein Musikstudium am Konservatorium Nahj Zarkoun. Unzufrieden mit der Qualität der Lehre zieht er nach Österreich, um seine musikalische Ausbildung abzuschließen. Die kreative Inspiration, die ihm der Multikulturalismus in Wien bietet, und die vielfältigen Begegnungen, die er dort hat, eröffnen ihm eine neue Welt voller Möglichkeiten.

Nachdem er ein Musikwissenschaftsstudium begonnen hat, merkt Dhafer, dass ihn eine akademische Ausbildung nicht mehr interessiert. Fasziniert vom Jazz und anderen Musikrichtungen wie indischer Musik, nimmt er an zahlreichen Jamsessions und Begegnungen in verschiedenen Bars und Clubs teil, unter anderem mit Wolfgang Pusching. Schließlich lernt er Gerhard Reiter kennen, den österreichischen Perkussionisten, mit dem er seine erste Band „Zeryab“ gründet. 1996 fließen seine vielfältigen Entdeckungen und Erfahrungen in Wien in sein erstes Album „Musafir“ (arabisch für „Der Reisende“) ein. Dieses Album ist das Ergebnis einer ungewöhnlichen Begegnung mit Anton Burger, Achim Tang, Jatinder Thakur und Otto Leichner. Er präsentiert sein Projekt im Porgy & Bess, dem renommierten Wiener Club. Nach einer erfolgreichen Premiere erhält er freie Hand und beginnt eine Reihe monatlicher Konzerte im Club. Dort begegnet er Nguyen Lê, dem französischen Gitarristen vietnamesischer Herkunft, sowie dem italienischen Trompeter Paolo Fresu, der ihn zu mehreren Auftritten in ganz Europa einlädt. Dhafer reift im Laufe der Konzerte und bestätigt seine stetige Entwicklung mit der Veröffentlichung von „Malak“ im Jahr 1998 beim Label Enja Records. Auf diesem Album treffen europäische Jazzmelodien auf einen mediterranen Groove besonderer Art. Dies markiert den Beginn einer authentischen musikalischen Identität, die von den Wurzeln des Künstlers geprägt ist, ohne in typisch orientalische Klischees zu verfallen. Gemeinsam mit Nguyen Lê an der Gitarre, Markus Stockhausen an der Trompete, Achim Tang am Bass und Patrice Heral am Schlagzeug startet Dhafer eine internationale Karriere.

Von der Kritik gefeiert, geht er auf eine erfolgreiche Europatournee, bevor er mit einem neuen Projekt ins Studio zurückkehrt. 2001 nimmt er „Electric Sufi“, sein zweites Album bei Enja Records, auf, auf dem er mit Wolfgang Muthspiel (Gitarre), Markus Stockhausen (Trompete), Deepak Ram (Bansuri), Dieter Ilg (Bass), Mino Cinelu (Percussion), Rodericke Packe (Elektronik) sowie Will Calhoun (Schlagzeug) und Doug Wimbish (Bass) zusammenarbeitet. In diesem ersten Experiment mit elektronischer Musik ist die Klangmischung überwältigend. Das jazzige „Electric Sufi“, das aus seinem Interesse an Stimmmodulationen und Resonanz entstanden ist, bietet dem Künstler die Möglichkeit, mit seiner Stimme zu experimentieren und sie weiter als Instrument einzusetzen. Dhafers unverwechselbare Handschrift wird während einer inspirierenden Tournee bestätigt. 2003 kehrt Dhafer Youssef ins Studio zurück und nimmt „Digital Prophecy“ auf. Auf diesem Album intensiviert sich die Suche nach neuen Klängen, und das Ergebnis ist berauschend. Die Symbiose zwischen Oud und elektrischen Klängen wirkt zunehmend organisch, und eine wahre Alchemie entfaltet sich zwischen den herausragenden Künstlern der skandinavischen Electro-Jazz-Szene: Nils Petter Molvaer (Trompete), Bugge Wesseltoft (Klavier), Eivind Aarset (Gitarre), Auden Erlien (E-Bass) und Rune Arnesen (Schlagzeug).

Mit zunehmender musikalischer Bedeutung wurde Dhafer Youssef 2003 gleich zweimal für den BBC Award für Weltmusik nominiert. Nach diesen ungewöhnlichen Begegnungen zwischen Oud und elektronischer Musik stellte er sich einer neuen Herausforderung: die Integration weiterer Streichinstrumente in sein musikalisches Universum. Diese surreale Konstellation fand 2005 mit der Veröffentlichung von „Divine Shadows“ ihren Höhepunkt. Der Klang ist mitreißend und zugleich ätherisch. Spiritualität wird selbstbewusst und ungeniert, fernab von Stereotypen, zum Ausdruck gebracht. Das Album ist geprägt von den Klängen von Arve Henriksen und Marilyn Mazur sowie von Dhafers langjährigen Weggefährten Eivind Aarset, Audun Erlien und Rune Arnesen.

Nach den Nominierungen für die BBC Awards für Weltmusik im Jahr 2003 sicherte sich „Divine Shadows“ 2006 eine dritte Nominierung für Dhafer Youssef. Nach Djalal Eddine Rumi, Al-Hallaj und anderen Sufi-Philosophen und -Dichtern, die Dhafer inspiriert haben, wendet sich der Künstler den Texten von Abu Nawas zu, einem persischen Dichter des 8. Jahrhunderts, der in einer konservativen Gesellschaft für seine Weinoden bekannt war. „Abu Nawas Rhapsody“, das 2010 erschien, ist das sechste Album des Künstlers. Es ist zugleich ein musikalisches Manifest, das die Grenzen zwischen Sakralem und Profanem aufhebt. Begleitet vom Pianisten Tigran Hamasyan, dem Schlagzeuger Mark Giuliana und dem Kontrabassisten Chris Jennings kehrt Dhafer Youssef auf diesem Album zu einem jazzigeren und groovigeren Stil zurück. Dhafers kraftvolle Stimme wird subtil eingeführt, bevor sie in eine dynamische Verschmelzung mit den Instrumenten übergeht. Dhafer Youssef vergisst dabei nicht seine künstlerische Identität, die er durch seine Erfahrung und die ständige Suche nach neuen Klängen entwickelt hat, und überschreitet dabei Genregrenzen. Seine außergewöhnliche Karriere ist geprägt von zahlreichen Kollaborationen, die seinen Erfahrungsschatz erweitert haben. So wechselt Dhafer zwischen verschiedenen Musikprojekten und Kooperationen, wie beispielsweise einem Duett mit dem legendären Tabla-Spieler Zakir Hussain, mit dem er auf einer ausverkauften Tournee durch Europa und Indien auftritt, einem Duett mit Dave Holland und dem Projekt „Digital’Africa“ mit dem großen Kora-Meister Ballake Sissoko und Eivind Aarset. Diese Kollaborationen sind Quellen der Weiterentwicklung und Inspiration für den Künstler, der stets nach neuen Klängen sucht.

Dies bietet ihm oft auch die Gelegenheit, außergewöhnliche Musiker kennenzulernen, mit denen er Beziehungen und einen künstlerischen Austausch pflegt, der über diese Zusammenarbeit hinausgeht und in seine eigenen Werke einfließt. Dhafer hat seit Beginn seiner Karriere eine unbändige Neugier und ein ständiges Streben nach Erneuerung und Entdeckung gezeigt, was sich in seinen Kooperationen mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft widerspiegelt: Indien, Norwegen, Armenien, Türkei, Österreich, USA, Mali… Dhafers Talent erstreckt sich auch auf die Welt der Filmmusik. Kritiker loben seine herausragende Leistung im Soundtrack von „Black Gold“, komponiert und dirigiert vom legendären James Horner im Jahr 2011. Dieser lud Dhafer 2012 zu einer weiteren Zusammenarbeit für den Soundtrack von „The Amazing Spider-Man“ ein. Weitere Beispiele sind „Luna“ von Dave McKean und die Zusammenarbeit mit Alberto Eglesias für Ridley Scotts „Gods and Kings“, beide aus dem Jahr 2014. Als Dhafer Youssef eine Einladung zum All-Star Global Concert am Internationalen Jazz-Tag 2015 erhielt, war dies ein weiterer Höhepunkt in seiner Karriere. Seine Teilnahme an diesem großen, globalen Konzert, das jedes Jahr die lebenden Legenden des Jazz und Weltklasse-Musiker zusammenbringt, zeugt von seinem Talent und seinem Beitrag zur Musik. Er gilt heute als einer der innovativsten Oud-Spieler und als eine der führenden Figuren der zeitgenössischen Musik, die östliche und westliche Musik miteinander verbindet. Ihm ist es gelungen, die Oud, ein dem Jazz fremdes Instrument, aus ihrer traditionellen Rolle und Form zu befreien und sie kreativ mit verschiedenen Musikgenres von elektronischer Musik bis hin zu Jazz zu konfrontieren.

Welch ein Zeichen der Anerkennung für Dhafer, an diesem Abend im Duo mit keinem Geringeren als dem Botschafter des Internationalen Jazz-Tages, Meister Herbie Hancock, aufzutreten und später von Wayne Shorter bei dessen Interpretation von „Haystan Dance“ begleitet zu werden! 2011 lud er den türkischen Klarinettisten Hüsnü Senlendirici und den Kanun-Spieler Aytaç Dogan zu einem Konzert nach Ludwigsburg ein. Inspiriert von dieser Begegnung veröffentlichte Dhafer Youssef 2013 „Birds Requiem“. Der Erfolg dieses von Kritikern sofort gefeierten Albums war beispiellos: eine triumphale internationale Tournee mit rund 100 Konzerten, über 50.000 verkaufte Tonträger und Aufführungen durch mehrere Orchester, darunter das London Symphony Orchestra. „Birds Requiem“, konzipiert als Filmsoundtrack, ist ein sehr persönliches Album, das an einem Wendepunkt im Leben des Künstlers entstand. Dhafer Youssefs Stimme begleitet die Klarinette von Husnu Senlendirici und den Kanun von Aytaç Doğan.

Er arbeitet erneut mit seinen Weggefährten Eivind Aarset an der E-Gitarre, Nils Petter Molvaer an der Trompete, Kristjan Randalu am Klavier, Phil Donkin am Bass und Chander Sardjoe am Schlagzeug zusammen. „Birds Requiem“ zählt zu den zehn besten Jazzalben in Frankreich und darüber hinaus und wurde vom DownBeat Magazine in die Liste der „20 besten männlichen Sänger“ aufgenommen. Es markiert einen neuen Meilenstein in Dhafers Karriere und musikalischer Forschung. Dhafers ungewöhnliches künstlerisches Abenteuer führt ihn 2016 zurück nach New York, einer Stadt, in der er in seinen Anfängen einige Jahre lebte und die ihm besonders am Herzen liegt. In dieser pulsierenden Stadt nimmt das mit Spannung erwartete Album des Jahres 2016 seinen Anfang: „Diwan Of Beauty and Odd“ wurde im legendären Sear Sound Studio aufgenommen, mit zweifellos den besten Musikern, die die New Yorker Jazzszene zu bieten hatte: Aaron Parks am Klavier, Ben Williams am Bass, Mark Guiliana am Schlagzeug und Ambrose Akinmusire an der Trompete.

Die elf Kompositionen von „Diwan Of Beauty And Odd“ erkunden eine der faszinierendsten Dualitäten: die des Schönen und des Fremden. Mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, Genregrenzen und einfache Metren zu überwinden, spielt Dhafer mit der Asymmetrie ungerader Taktarten und schafft so ein musikalisches Meisterwerk von fesselnder Komplexität, das dennoch unendlich schön und verständlich bleibt. Darin liegt das Genie des Komponisten. „Diwan Of Beauty And Odd“ ist eine Fusion orientalischer Einflüsse mit dem urbanen Groove New Yorks. Es ist eine lebendige Begegnung von Tradition und Moderne, ein subtil formulierter, universeller Aufruf zum Frieden. Das Album, das am 16. September 2016 erscheint, ist ein musikalisches Meisterwerk, mit dem der vollendete tunesische Komponist seinen Platz als einer der innovativsten Musiker des letzten Jahrzehnts festigt.